Forum für Weltreligionen
Symposien

2. Hermann Stieglecker-Gedächtnistagung

MONOTHEISMUS

Interreligiöse Gespräche im Umfeld moderner Gottesfragen

„Dilemma oder Dialog – die einzigen Alternativen der Religionen“

 15.-17. September 2019, Stift St. Florian bei Linz

 Programm

TAGUNGSBERICHT

Von 15. bis 17. September lud das Forum für Weltreligionen zur diesjährigen Monotheismus-Tagung ins Stift St. Florian ein, um mit jüdischen, christlichen und muslimischen Theologen interreligiöse Gespräche im Umfeld moderner Gottesfragen zu führen und gemeinsam über die Voraussetzungen für ein gegenseitiges Verstehen zwischen den Religionen nachzudenken.

Die Tagung fand im Rahmen des Hermann Stieglecker-Forschungsprojekts zu Monotheismusfragen statt. Das Projekt dient seit 2017 unter anderem der Aufarbeitung des Nachlasses des Alttestamentlers und Orientalisten Hermann Stieglecker im Stiftsarchiv von St. Florian. Es wird in Kooperation mit dem Institut für Orientalistik der Universität Wien durchgeführt.

Dass die öffentliche Meinung, auch jene von Theologen, nicht selten gewissen Fehlinformationen unterliege, führte zum Einstieg die Islamwissenschaftlerin Yasmin Amin aus Kairo aus. Durch die immer einflussreicher werdende wahabitische Auslegung des Korans komme es zu falschen Vorstellungen von der Rolle der Frau im Islam. Außerdem gebe es in muslimischen Gesellschaften kaum Forschungen über Frauen und ihre spezifischen Beiträge, das oft einseitige Medieninteresse leiste ein Übriges. Generell sei es nicht dem Islam anzulasten, wenn männliche Gelehrte eine einseitig patriarchale Auslegung seiner Lehre betrieben, dies sei ja keineswegs nur im Islam der Fall. Bedeutende Frauengestalten rückten das Bild vom Islam zurecht. So seien ab dem 8. Jahrhundert auch Islamwissenschafterinnen bekannt. Frauen hätten in der Geschichte des Islam öffentliche Funktionen innegehabt, etwa als Koranexpertinnen, Lehrerinnen, Gelehrte, Richterinnen oder als politische Akteure. Schulen, sogar Universitäten in Ägypten, in der Levante, im Jemen, Irak und in Indien seien von Frauen gegründet worden, so Amin, die einige markante Biografien vorstellte.

Zum speziellen Thema der diesjährigen Tagung „Dilemma oder Dialog – die einzigen Alternativen der Religionen“ boten die Vortragenden sowohl einen Überblick über die Anknüpfungspunkte für Dialog in Christentum, Islam und Judentum als auch einen über mögliche Hürden und Stolpersteine. So wies der Dogmatiker Dirk Ansorge auf die Notwendigkeit hin, eine Ambiguitätstoleranz zu entwickeln und dem Bedürfnis nach Eindeutigkeiten nicht zu leicht nachzugeben. Sowohl das Streben nach Wahrheit, die Zurückweisung der Geschichtlichkeit von Wahrheit als auch die Hochschätzung von Reinheit, wie sie derzeit wieder en vogue sei, stünden einer solchen Toleranz tendenziell entgegen. 150 Jahre nach Beginn des Ersten Vatikanischen Konzils präsentierte Johanna Rahner eine Zusammenschau der wichtigsten Entwicklungen der katholischen Kirche von einem absolutistischen Selbstverständnis, der Überzeugung, der Irrtum habe kein Daseinsrecht, bis hin zur Öffnung für die Anerkennung von Religionsfreiheit und Menschenrechte. Der Islamtheologe Yasar Sarikaya zeigte die theologischen Voraussetzungen für den Dialog im Koran auf, dessen Glauben an einen gemeinsamen Ursprung aller Menschen, die damit verbundene Gleichheit und Würde aller, wie die Akzeptanz vielfältiger Lebensweisen als Ausdruck des göttlichen Willens. Die zahlreichen thematischen Bezüge zur Bibel und die Sicht der Thora als Quelle der Rechtleitung zeigten die im Islam vorhandene grundlegende Wertschätzung der anderen monotheistischen Bekenntnisse. Problemfelder sehe er in der sich abgrenzenden Haltung des Korans gegenüber theologischen Aussagen wie dem Trinitätsglauben, der Ablehnung einer göttlichen Verehrung für Jesus, dem absoluten Wahrheitsanspruch und dem Vorwurf der Schriftverfälschung. Letzteres wurde von Matthias Morgenstern einer kritischen Sichtung unterzogen, was die Möglichkeit eines dynamischen interpretierenden Schriftgebrauchs aufzeigte, sodass der Begriff der „Verfälschung“ in einen veränderten Kontext gestellt werden konnte: „Den Text aplikabel zu machen, ist nicht Verfälschung“.

Die bleibende Spannung zwischen Siedlern und Nomaden und ihre religionssoziologische Konsequenz wurden vom Fundamentaltheologen und Leiter des Forum für Weltreligionen Petrus Bsteh dargestellt. Innerchristliche wie innerislamische Konflikte (Hamideh Mohagheghi) und Dialogmöglichkeiten sowie die Frage nach dem Wesen des Monotheismus und dem damit verbundenen Thema der Deutung von Dreifaltigkeit im Gegenüber zur Betonung der Einheit Gottes behandelte Reinhold Bernhardt und wies dabei auf die von Stieglecker getroffene Unterscheidung der Einfachheit Gottes nach innen und der Einzigkeit Gottes nach außen hin. Die dem Judentum inhärenten Spannungen im Zusammenhang von Eingottglaube und Erwählung, sowie die Bedeutung der Landnahme und der Überzeugung ein „heiliges Land“ zu besitzen, führte Susanne Talabardon aus. Schließlich wurde dem vielseitigen Dialoginteresse Stiegleckers und seiner Studien indischer Texte dadurch Rechnung getragen, auch eine monotheistische Hindutradition vorzustellen. Der Indologe Marcus Schmücker präsentierte als frühmittelalterliches Beispiel die „Theologie der Gabe“ im monotheistischen Vedānta Rāmānujas aus Südindien als Beispiel für den Dialog zwischen Gott und Mensch.

Rudolf Langthaler stellte die schroffe Kritik Emanuel Kants an Lessing Ringparabel vor, der den Vater in Lessings Erzählung als Urheber der Ringfälschung, der er selbst zum Opfer fällt, für unakzeptabel hält und Lessing Prinzipienvergessenheit vorwirft.

Die Tagung diente zugleich der Vorstellung einer überblickshaften Auswertung des Nachlasses des 1975 verstorbenen Diözesanpriesters Hermann Stieglecker, die für die Geschichte der christlich-islamischen Dialogbestrebungen zahlreiche und interessante Kenntnisse erbrachte: Nicht nur, dass es in der stiftseigenen Hochschule von St. Florian nachweislich bereits 1817 Arabischunterricht für Theologen gab, so führte der Orientalist Philipp Bruckmayr aus. Auch das pionierhafte Engagement Stiegleckers für die Verständigung mit dem Islam seit den 1930er Jahren ist höchst bemerkenswert insofern es „moderne Sichtweisen“ gegenwärtiger Theologie vorwegnimmt. Seine Korrespondenz mit Kardinal Franz König stellt einen besonderen Baustein der Vorgeschichte des Konzilsdokuments zum Dialog der Kirche mit den nichtchristlichen Religionen Nostra Aetate dar. Bsteh stellte den historischen Kontext Stiegleckers als Wegbereiter des interreligiösen Dialogs dar, um seinen Bezug zum theologie- und geistesgeschichtlichem Umfeld seiner Zeit zu verdeutlichen. Stieglecker war ein Sprachengenie, der seine Fähigkeit zu verstehen und sich auszudrücken zur intensiven Erforschung von Religionen nützte. Er war von der Möglichkeit einer Verständigung zwischen Kulturen und Religionen überzeugt und suchte nach einer Art Grammatik der Verständigung.  Schon lange vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil ermutigte er dazu, den Islam mit den Augen der Muslime lesen und verstehen zu lernen, kritisierte Eurozentrismus und Bildungsresistenz und erläuterte den Islam für Theologen. Seine 800 Seiten starke Schrift „Die Glaubenslehren des Islam“ aus den Jahren 1959-1962 gilt heute noch als Standardwerk der Islamwissenschaft und wird derzeit vom Forum für Weltreligionen im Schöningh-Verlag neu ediert. Auch die meisten anderen Publikationen Stiegleckers werden vom Forum für Weltreligionen für eine Neuausgabe bei Schöningh/Brill vorbereitet. Stiegleckers Überzeugung war, dass die Religionen einander etwas mitzuteilen haben und in dieser Begegnung jede eine dynamische Entwicklung durchschreitet. Er darf als Prophet, Pazifist und Friedensstifter gewertet werden. Weitere Informationen über den Nachlass Stiegleckers und das Stieglecker-Forschungsprojekts zu Monotheismusfragen werden in Kürze unter www.weltreligionen.at abrufbar sein.