Forum für Weltreligionen
AGORA Wintersemester 2021/22

 UMKEHR UND EINKEHR
ALS RELIGIÖSE GRUNDBEGRIFFE

Heterogenes und Autogenes in moderner Spiritualität

Wintersemester 2021/22

Der Vortrag im Oktober wird noch ONLINE abgehalten.
Weitere Vorträge werden nach Möglichkeit wieder im Otto-Mauer-Zentrum stattfinden.
(Währingerstraße 2-4, 1090 Wien. Bitte die gültige Regelungen beachten)

Semesterprogramm zum Ausdrucken


Donnerstag 21. Oktober 2021  18.30 Online

Peter Ramers, Vallendar

Der „Weg aus dem Haus in die Hauslosigkeit“
   Gedanken zu den religiösen Grundvollzügen von Umkehr und Einkehr im Buddhismus

 

Donnerstag 11. November 2021 18.30

Franz Winter, Graz               

Wie verträgt sich der eine Gott mit vielen?
   Die historische Begegnung des Islam mit der Religionenvielfalt Indiens und die möglichen Modi der Auseinandersetzung

 

Donnerstag 9. Dezember 2021  18.30 

Susanne Weigelin-Schwiedrzik, Wien   

Umwelt und Mitwelt als offene Fragen Chinas.
    Von freier Umkehr und Einkehr aus humanitärer Verantwortung und kultureller Tradition

 

Dienstag 11. Jänner 2022 18.30

Wolfdietrich Schmied-Kowarzik, Wien

Umkehr und Einkehr.
   Ein religionsphilosophischer Beitrag zum interreligiösen Dialog

 

Zum Semesterthema

UMKEHR UND EINKEHR ALS RELIGIÖSE GRUNDBEGRIFFE
Heterogenes und Autogenes in moderner Spiritualität

In den großen Monotheismen sind beide Begriffe verschieden; aber untrennbar verbunden. Es gibt keine Umkehr zu Gott ohne Hinkehr zum Nächsten und Einkehr in das eigene Leben. Diese beiden transzendentalen Dimensionen des einen Weges der Religionen in Aszendenz und Deszendenz unter Einbeziehung religiöser Rücksicht auf den Mitmenschen sind so sehr miteinander verbunden, dass ein christlicher Theologe (K. Rahner) sogar von „Transmanenz“ spricht. In der Reihenfolge freilich würde der gläubige Jude (auch Jesus und seine Gemeinde! (Mt 25) das Ethos an die erste Stelle reihen und das Gottesverhältnis an letzte, wobei der „Nächste“ ja die Identität des Einzelnen erst ausmacht. Der Muslim hingegen wird Allah die allererste Wichtigkeit einräumen. Das religiöse Gebot an zweiter und die Mildtätigeit an den Nächsten- (Ehefrauen!)- an dritte. Der Christ aber geht vom Gewissen aus und lässt daraus Gesinnung und Wirksamkeit erstehen. Diese Unterscheidungen sind begründet und sollten anerkannt, erklärt und eingehalten werden. Es gibt einen Mittler der Erlösung, der Heilung!

Die monistischen Religionen würden die obige Unterscheidung nicht ohne weiteres gelten lassen. Die Sphäre des Lebens ist göttlich durchseelt und dies nach allen Richtungen hin- Makro- und Mikrokosmos, Mineralia, Vegetativa, Animalia und Humana sind allesamt auf einander abgestimmt und voneinander durchströmt. Die Unterscheidungen sind künstlich und müssen bewusst durch Begründungen oder Überbietungen wieder vernichtet werden. In diesem Sinne sind autogene Einstimmungen nötig, keineswegs aber äußere Mittel oder innere Vermittlungen. Geschehen lassen, gelassen aus- oder einlassen. Buddha wird als Arzt, Heiler angesehen, indem er einen jeden anleitet, Boddhisattwa zu werden. Wenn du Fremdes, anderes achtsam wahrnimmst, so mach zu Deinem! Nimmst Du Krankheit, Schmerz, oder Tod an, so schwinden sie: „Tat twam asi“ (das bist Du) - leidlos, sorgenlos, todlos - gelöst, bist Du durch Dich erlöst.

Der moderne Mensch ist weitgehend religiös emanzipiert, das heißt: unmusikalisch, neutral und immun. Umso mehr ist er faktisch unausweichlich abergläubisch nach oben und unten zugleich (Jes.7, 10ff ). Er misstraut dem transzendenten Gott und ersetzt ihn durch selbstgemachte Götter, Gottmenschen bzw. misstraut er dem Menschen und seinem Wissen und Können ebenso, wie er sein eigenes Heil selber erwirken will. Diktatur, rituelle Gururollen sind ihm ebenso unersetzlich wie Kräuter als traditionell gewachsene Heilmittel und besonders verabreichte Heilmethoden. Sie sind zeremoniell einzunehmen, anzuwenden.

Die profane moderne pluralistische Gesellschaft ist nicht nur unübersichtlich und undurchschaubar geworden, sondern auch notgedrungen oberflächlich, rasch von Gelegenheit zu Gelegenheit, ohne Orientierung und Ziel. Zur Gottesfrage braucht es sowohl eine gewisse Individualität, wie auch eine entsprechende Tiefe: Einen Widerstand im Herumgetriebe, der nur durch Einhalt zu gewährleisten ist. Somit gibt es Anmutungen, Mentalitäten und Spiritualitäten, die parallel liegen - also Kitsch, Schnulzen, Pop, Gassen, Plätze, Kabaret. Humorlos (ohne Kerr, Polgar, Torberg, Weigel). Gibt es in dieser fragmentierten Gesellschaft noch die vertikale Umkehr, die in der Einkehr wurzelt? Vielleicht im Einhalt der Diaspora: Der Monotheismus steht und fällt damit. (Hier hinein gehört natürlich auch die Gewalt der Diktatur mit ihrer raffinierten Massenfolter, bereitet und begleitet durch die Reklametechnik der medialen Infiltration.

 

In Kooperation mit: Otto Mauer-Zentrum - Forum Zeit und Glaube 1090 Wien, Währingerstr. 2-4