Forum für Weltreligionen
Nächster AGORA Vortrag: 8. Oktober

Dienstag, 8. Oktober 2019, 18.30-20.00

Zwischen Freiheit und Gehorsam

Zu einer Neubewertung des I. Vatikanischen Konzils

Dr. Peter NEUNER, München

Vor 150 Jahren begann das Erste vatikanische Konzil (1869/70). Es war geprägt von den Erfahrungen, die die katholische Kirche mit der Französischen Revolution gemacht hatte. Deren Ideale Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit waren bald überdeckt worden von einem wahren Blutrausch der Massen. Angesichts der Septembermorde 1792 von mehr als 1200 Gefangenen, darunter 300 Priestern, und der 1793 vom Parlament beschlossenen Abschaffung des Christentums ist es nicht unverständlich, dass die Päpste in der Forderung nach Freiheit und Gleichheit die Ursache für diese Gräuel erblickte. So kam es im 19. Jahrhundert zu einer Reihe von verhängnisvollen Verurteilungen der Ideale der Neuzeit. Im Syllabus (1864) verurteilte Papst Pius IX. global die Überzeugung, die Kirche müsse sich mit den Prinzipien der Moderne aussöhnen. In diesem Sinne hat das Erste Vatikanische Konzil Autorität und Gehorsam als Grundstrukturen des Glaubens festgeschrieben. Seine Dogmen über Primat und Unfehlbarkeit des Papstes erschienen gleichsam als Gegenentwürfe zu den Idealen der Moderne.

Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) folgte einer völlig veränderten Grundstimmung. Nicht mehr die Abkehr von der modernen Welt bestimmte das kirchliche Denken, die Zeichen der Zeit und die Herausforderungen der Geschichte erschienen als der Rahmen, innerhalb dessen die christliche Botschaft neu formuliert werden muss. Allerdings hat es auch die Dogmen von 1870 wiederholt, und sie dominierten die nachkonziliare Geschichte der Kirche vielleicht mehr, als die Neuansätze des Zweiten Vatikanums. Theologie und Kirche stehen heute vor der Frage, ob und wie die Herausforderungen der Moderne zu einer Neuinterpretation der Beschlüsse des Ersten Vatikanums führen können.

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