Forum für Weltreligionen
NEU: AGORA Sommersemester 2019

Sommersemester 2019:

EINZUG und AUSZUG

DAS WEGMOTIV DER MENSCHHEIT

Di 5. März 2019- Matthias Morgenstern, Tübingen

Spannung zwischen Exil und Erlösung / Galut und Ge’ula

Das gewöhnliche Denken des Menschen verläuft zyklisch: Geburt bis Tod mit Zwischenphasen für den einzelnen, der Jahreszyklus mit „nichts Neuem unter der Sonne“- bei allen Fortschritten und Niedergängen für alle. Israel hat diesen „verderblichen Kreislauf“ erstmalig aufgebrochen und einen absoluten Anfang und ein endgültiges Ende gefunden. „Es wurde Morgen, es wurde Abend“-jedoch im Rahmen des „im Anfange“ und „dann aber ruhte Er.“

 

Di 2. April 2019 - Ulrike Bechmann, Graz

Der Auszug der Hedschra als Zeitenwende für das Pilgervolk der Muslime

Zwischen Mekka und Medina als Zeichen des anfänglichen und endgültigen Paradieses

Auch der Islam kennt den Auszug (Hedschra) und Einzug (Medina). Seine Zeitrechnung beginnt und endet damit. Allerdings steht alles Irdische unter dem Zeichen des anfänglichen und endgültigen Paradieses. So ist denn auch der Islam eine echte Pilgerbewegung mit irdischem Zwischenspiel.

 

Di 7. Mai 2019 - Manfred Hutter, Bonn

Die leidvolle Erfahrung des Dharma einer Schuldgeschichte und des Karma des Erlösungsweges zum endgültigen Nirwana

Der Kreislauf von Aporie der Gesamtgeschichte zu einem notwendigen Neuanfang ihres Schicksalsweges

Auch Hindutraditionen kennen den Austritt des Einzelnen aus dem Strom des Dharma mit seiner zwingenden Folge von Ursache und Wirkung. Der Auftauchende kann durch entsprechendes Kharma wiederum eingehen in das erlösende Nirwana von göttlichem "Alles ist eins".

 

Di 18. Juni 2019 - Susanne Weigelin-Schwiedrzik, Wien

„Woher, wohin, wozu?“

Antworten aus China

Chinas universale Harmonien der kosmischen (Dao) und sozio-politischen (Konfuzius) menschlichen Prismata kennen freilich auch eigenwillige Störfälle. Diese müssen verhindert oder aber ausgeschieden werden, wofür eigene ärztliche oder richterliche Instanzen sorgen. So kann ein Reich der Mitte um Kaiser (oder Partei) bestehen. Davor, dahinter und danach stehen aber die Ahnen, aus denen alle Irdischen ausgehen und in die sie eingehen.

 

EXODOS - EISODOS: DAS WEGMOTIV DER MENSCHHEIT

BEWEGUNG ALS MENSCHENSCHICKSAL- BEGEGNUNGEN DER RELIGIONEN

„Seltsam im Nebel zu wandern“ H. Hesse s Gedicht war nach den Weltkriegen sehr verbreitet Als das Abendland sich in Schutt und Asche verwandelte tauchte bei vielen die Sinnfrage auf. „Woher- wohin“ bleibt jeder Bewegung inne. Selbst ein traumatischer Totstellreflex, eine Katatonie, eine Selbstauslöschung durch Drogenrausch oder Tollmut folgt der Frage: Wozu, wo-zu?

Religionen auch ein Opiat? Oder doch ein Versuch gangbare Wege zu weisen? Irgendwie versuchen sie alle achtsam, von einem identitätsstiftenden Ansatz auszugehen, ihn sorgfältig zu bewahren und mit eigenen Erfahrungen bereichert wieder zu finden. Die Monotheismen sprechen von einem anfänglichen Gottesreich, das endgültig wiederzufinden sei. Sie geben Wegweisungen aus und verheißen Vollendung als Ziel.

Die Monismen hingegen setzen eine unaufbrechbare Kette von Ursachen und Wirkungen voraus, halten ihre unverlierbare Folgen für jeden und alle fest (Dharma), und bieten Erlösungen (Kharma) durch gelassene Einsicht der Begründungen aller Unterschiede an. Ihr Ziel ist das Schwinden der Wege und ihr Eingehen in´s Nichts.

Die Panpragmatismen des fernen Ostens schaffen glückliche Wesen durch das ungetrübte Eintreffen kosmischer (Dao) oder ungestörter sozio- politisch im All derer Einflüsse (Konfuze). Durch die kindlichen Spiele mit dem Schicksal samt achtsamen Erfahrungen, die Glück in Harmonie mit dem Kosmos des Alls und der Menschen finden lassen.

Schließlich die archaischen Stammeskulte mit ihren Heilstraditionen, dem Erbe und Lohn der Ahnen sowie neuerdings die aufkommenden bald untergehenden Sekten mit ihren erfundenen Gründern und selbst gesteckten Zielen- Auch die zunehmenden agnostischen Humanismen.

Es ist die eine Menschheit, die diese verschiedenen Religionen vorfindet. Kann sie diese auch von einem heillosen Durcheinander, Gegeneinander und Nebeneinander zu einem heilsamen Miteinander verbinden? Bewegung aus Starre und für Begegnung? Es wäre eine kostbare Wanderung aus Dünkel in Klarheiten, aus Nebeln in Angesichte.

„Religionen sind unterwegs“ dh. die Wege der Monotheismen sind nicht Ziel, vielmehr stellen sie ein „Zwischen“ dar, das sich aus einem absoluten Anfang und Ende ergibt. Nicht, dass es nicht auch bei ihnen Todstellreflexe gäbe, lähmende Traumata, die vor einem „Weiter“, also, „Noch immer nicht“ kapitulierten und eine vorläufige Aporie als negative Mystik wählten-.

Doch ist ein gestalteter Weg, wie er in jedem Menschenleben vorkommen muss, auch bei Monismen unausbleibliches Zeichen des Lebens selbst: Selbst sie halten an vier Phasen des Menschseins fest. Und Weg als Vorgabe des Dharma, der unveränderlichen Geschichte, wird ebenso beeinflussbar durch Kharmen, vor allem im Üben des Yoga, mit dem Ziel das Nirwhana zu erreichen oder aber durch eine zu postulierende Neuauflage der Weltengeschichte überhaupt. Wie also ist dann der Weg das Ziel? Etwas ohne Samsara? Was wäre dann diese und wie könnte sie der Mensch als solche wahrnehmen? Was wird er in der Vermischung aller seiner Wege?   

Die Bahnen kosmischer und politischer Einflüsse des Dao im gesammelten Prisma der einzelnen Menschen? Nur getrübt durch den krankhaften Eigenwillen des Menschen, der im Interesse aller zu heilen ist. Ist es ein Ausgang von und eine Rückkehr zur vollkommenen Harmonie der Ahnen: Was aber ist die Bewährung des einzelnen Lebens dann- nur vollkommene Einfügung?

Für den Schöpfungsglauben der Monotheisten ist Menschenleben ein Auszug aus dem Elternhaus, ein Fristen des Lebens von dessen Erbe, wiewohl von jedem Gläubigen wesentlich Neues erwartet wird, Abenteuer zu wagen sind, um schließlich auch in einem Du die Erfüllung eines unvergleichlich eigenständigen Wir zu finden. Und schließlich weiß der Gläubige über allem auch über Wege von Vorfahren, Nachfahren und Gefährten und damit über den Ursprung und das Ziel des Ganzen der Schöpfung. Er ahnt vom Ersten und geht nie als Vagabund, nicht nur blinder Abenteurer (Draufgänger) durch diese Welt, sondern als „Homo Viator“ (G. Marcel) des Letzten, als Pilger zum Absoluten (L. Bloy).

Israel hat diesen Weg vom Heiligtum des Anfangs zum Heiligen des Endes mutig beschritten und jeder seiner Gläubigen sucht dessen Denkmäler, Wegweiser, Einkehrstätten in seiner Lebensgeschichte. Er schaut zurück, umher und weiter! Es ist ihm der Auszug aufgegeben, die Heimkehr verheißen. Gott bleibt aber auch sein Begleiter, der Weg in seinem jeweiligen Heute, Wahrheit und Leben ist, Guter Hirte, der aufsucht, schützt, heilt.