Forum für Weltreligionen
AGORA - Vorschau Wintersemester 2017/18

REINHEITSGEBOTE: HYGIENIK ÄSTHETIK SYMBOLIK?

Rituelle Reinheit, deren sakrale Hintergründe und rationale Erklärungen

(Otto Mauer-Zentrum, Währingerstr. 2-4, 18.30-20 Uhr)

 

Do 12. Oktober 2017                                          Dr. Georg Cavallar, Wien

Reinheitsgebote im Zeitalter Aufklärung und bei Ideologien

Ideologische und rassische Säuberung unreiner Elemente.

 

November 2017                                                  Rab. Lior Bar-Ami, Wien

Die jüdischen Reinheitsgesetze und deren anamnetische Bedeutung

Die Kulttradition als tragende Lebensquelle des Gottesbundes.

 

Dezember 2017                                                  Dr. Abdullah Takim, Wien

Der aufgeklärte Islam und seine rationalen  Erklärungen ritueller Gesetze

Der Islam und seine Reinheitsgebote, Ursprung und Tradition eines wichtigen Ritus.

 

Januar 2018                                                       Dr. Philipp A. Maas, Leipzig

Gier und Angst in den Hindu-Traditionen

Wiederkehrende Schattengebilde des Daseins und deren Erleuchtungsbedürftigkeit

 

HINTERGRUNDREFLEXIONEN

Reinheit ist ein religiöses Gebot: „Seid heilig, wie auch ich heilig bin“, ist ein Grundgebot Israels, des Erbes Abrahams. Heiligkeit und Reinheit inmitten einer unreinen Welt voll unreiner Menschen? „Inter faeces et urinas nascitur homo“, so die allgemein gängige Feststellung- deshalb Reinigung nach Geburt, nach Geschlechtsverkehr, nach allem Geschlechtlichen. Von allem, was den Menschen verlässt, er ausscheidet: Kot, Schleim, Blut. Unrein ist der Kranke, der Tote. Da tritt nun einer auf, Jesus, und erklärt alles für rein, es sei, es wird absichtlich verunreinigt: Gedanken, Worte, Zeichen des Begehrens, des Abstoßens, des Hasses, der Eifersucht, des Neides. Er lässt selbst die Sünde, das Laster ja selbst ihre Folgen, die Schulden für rein erklären- wo sie nur bereut wird. Auch die Süchtigen lässt Er gelten. Er kennt keine unreinen Berufe. Wer auf Gott schaut, wird verbündet, darf gereinigt, gerechtfertigt, geheiligt gelten.

Wer aber Gott (und dem Nächsten) naht bedarf der Ehrfurcht, Scham und Scheu. Vorschnelles Urteilen, bereits vereinnahmend Wissen ist dämonisch: „Ich weiß schon, wer Du bist“ (Mk. 3,34; Mt. 8,29//; Jak. 2,19) wird von Gott verurteilt: Denn, was man von ihm erahnt, bleibt unfassbar.

Aus dieser Mitte neuen menschlichen Seins sind die heiligen Schriften entstanden, die Lehren der Monotheismen, die Kunst geheil(ig)ter Gemeinden und Gemeinschaften- alles ist nur „angenommen erlöst“ (assumptum- redemptum). Nichts Menschliches darf denen fremd sein (Seneca), die an den um der Menschen Heiles willen Menschgewordenen glauben. 

Die Aufklärung wusste um die Natur- sie ist krank oder gesund, weil dies (erkennbare, behebbare) nächste Gründe hat. Erkenne dich selbst, heile dich selbst durch Einsicht und Bildung. Bald fallen Scham und Ehrfurcht: Neugierde macht erforschbar und Berechnung machbar. Unreines wird vertilgt: Hexen, rassisch Fremde, ideologisch Andersdenkende. Dafür sorgen sterile Isolierte, neurotische Hypochonder, Autisten. Sie bleiben über. Doch die Glasglocke Aufklärung macht krank. Oder aber, sie fällt selber der Säuberung zum Opfer. Danton wird in der Badewanne erdolcht. B. Pascal, der Erfinder der Rechenmaschine, jedoch nahm -überwältigt vom Grauen eines hohlen Alls- Zuflucht beim Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.